Das aktuelle Schuljahr, für JOT das Siebte, neigt sich dem Ende zu. Seit dieser Woche sind alle Klassenarbeiten geschrieben und „Klassenarbeitsersatzarbeiten“ namentlich „Portfolio für Kalendergeschichten“ sind abgegeben. Zeit zum durchatmen, reflektieren, Lehrer hassen und sich darüber freuen, dass wir eine von den Gruseligsten (die aber so harmlos nett und unwissend ist, dass sie nicht mal merkt, was sie zwischenzeitlich so angerichtet hat) nach dem Sommer nach drei langen Schuljahren endlich los sind.
Wie schon einmal angedeutet gab es in der Vergangenheit Probleme mit der Schule meiner Tochter und 2 Lehrerinnen für Sprachen. Nennen wir die beiden doch einfach WO und WIE *manchmal passen die realen Namen so wunderbar zu einem Menschen, das könnte ich mir gar nicht so ausdenken*.
Warum genau lernt man mit Anlauttabelle schreiben??
Aber von vorn: meine Tochter (JOT) hatte in der Grundschule Schwierigkeiten mit dem Lesen lernen. Da sie Schreiben mit der Anlauttabelle lernte, schrieb sie schnell beachtliche Texte, über Erlebnisse und auch selbst ausgedachte Geschichten. Meinem Mann und mir fiel es schwer diese zu lesen, wer schon mal Texte nach der Anlauttabelle geschrieben, zu Gesicht bekommen hat, weiß wovon ich rede.
Leider konnte JOT ihre Texte nach einer gewissen Zeit selber nicht mehr wiedergeben, nämlich dann, wenn sie sie nicht mehr auswendig kannte. Denn Lesen glich auch am Ende der ersten Klasse noch eher einem Buchstabierwettbewerb mit munterem Wörterraten. Zu ihrer Freude und meinem Leidwesen riet sie instinktiv die Worte sehr gut, wodurch sie anständige Noten bekam, aber nicht mal die Lehrerin so richtig merkte, wie schwer sich JOT mit echtem Lesen tat. Bei Gesprächen wurde ich beruhigt, das wird schon, haben sie gesagt, irgendwann platzt der Knoten und dann liest das Kind flüssig und viel, haben sie gesagt… Auf meinen Wunsch hin wurde ein LRS-Test in der Schule gemacht; ohne Befund.
Ich habe dem Büchergott gehuldigt und spannende, altersgerechte Literatur herangeschafft, HA, mein Mann und ich haben mit ihr allabendlich im Bett gelesen, mit ihr Antolin gemacht und gehofft, dass die zu erreichenden Punkte sie motivieren würden… nichts.
Kaugummikauender Singsang
In Mathe hingegen lief es sehr gut, sie wurde in die Knobelgruppe aufgenommen, später nochmal kurzzeitig ausgeschlossen (weil sie die immer länger werdenden Aufgabentexte nicht anständig lesen konnte) und wieder aufgenommen. Außerdem wurde sie zu einem Schachkurs eingeladen, zu dem nur die Besten der Jahrgangsstufe durften. Auch sonst glänzte sie im Unterricht durch Interesse und rege, qualitativ hochwertige Mitarbeit *abgesehen von Englisch, dass aus „Vortanzen“ und Nachplappern bestand und bis zur 4. Klasse bei meiner Tochter nach Kaugummi kauen kombiniert mit willenlosem Singsang klang*…
In der vierten Klasse wurde dann offensichtlich, was ich befürchtete: das Kind konnte immer noch nicht richtig lesen, sie erlas zu dem Zeitpunkt die ersten ein bis drei Buchstaben und riet sich den Rest zusammen. Da die Texte immer abstrakter wurden, war diese Technik aber nicht mehr so erfolgreich wie in den unteren Jahrgangsstufen und die Bilder nahmen ab. Und es wurde offenkundig, was sie tat. Ein weiterer LRS-Test sollte Klarheit bringen, aber abermals ohne auffälliges Ergebnis, sagten die Lehrerinnen).
In meiner Not wandte ich mich an den schulpsychologischen Dienst der Stadt. Die Wartezeiten waren lang… Endlich ein Vorgespräch und wieder warten, wir wurden vertröstet, nach den Ferien, nach den nächsten Ferien, also vor den Sommerferien aber dann doch nicht mehr, vielleicht nach den Herbstferien…
Die Schulempfehlungen kamen, mit einer Gymnasialempfehlung für JOT und dem klaren Hinweis der Klassenlehrerin, dass JOT vermutlich nie Klassenprimus wird, aber vermutlich problemlos ein Abitur erreichen wird. Da ein Großteil der Mädchen ihrer Klasse ins benachbarte Gymnasium wechseln würde und die nächste akzeptable Gesamtschule zwingend Französisch vorschreibt und im vergangenen Jahr wenig Kinder aus Bielefeld aufgenommen hatte, beschloss der Familienrat, JOT ebenfalls an dem Gymnasium anzumelden.
Der Zug fuhr schneller, als ich gucken konnte
Der Schulwechsel war eine Katastrophe. Ich weiß nicht, an was es lag, aber wir hangelten uns von Tag zu Tag, Woche zu Woche. Ich hatte permanent das Gefühl von einem Zug überrollt zu werden für den wir zu langsam waren. JOT fand kaum Anschluss in der Klasse obwohl sie einen Großteil der Kinder kannte. Die bisherigen Freundschaften hielten nicht.
Kurz vor den Herbstferien hatten wir endlich den Eindruck, dass wir auf den Zug aufgesprungen waren, das Tempo halten konnten. Um das Glück perfekt zu machen bekamen wir endlich den Termin beim Schulpsychologen. Er warf einen kurzen Blick auf die LRS-Tests der Grundschule und verkündete, dass unsere Tochter eine ausgewachsene LRS hätte. Bei intelligenten Kindern wäre sie nur schwerer zu erkennen…
Er sprach von Therapie, machte uns Hoffnung auf Rettung aber stellte auch klar, dass wir das vermutlich selber würden bezahlen müssen, da LRS nicht als Krankheit gelte, sondern als Teilleistungsstörung und somit die Therapie nicht von der Krankenkasse übernommen würde. Man könnte versuchen, finanzielle Unterstützung vom Jugendamt zu bekommen, machte aber auch klar, dass es ein steiniger Weg werden würde. Und dass es natürlich ein langer Weg werden wird…
Der Hauptschulabschluss ist nicht gefährdet…
Kurzfristig rief ich die Klassenlehrerin WO an und teilte ihr meine neu gewonnen Erkenntnisse mit. JOT wurde kurz danach von der Schule ebenfalls als Förderbedürftig im Fach Deutsch ermittelt und wir wähnten uns in guten Händen. Die Rechtschreibung in den Hauptfächern wurde ausgesetzt, dazu bekam sie für Klassenarbeiten eine Schreibzeitverlängerung von 15 Minuten „um in Ruhe Rechtschreibfehler zu ermitteln und zu beheben“.
Zum Glück bekamen wir sehr kurzfristig einen Therapieplatz in der Nachbarstadt mit einem Behandlungsplan für etwa 2 Jahre (natürlich lehnte das Jugendamt jegliche Kostenübernahme ab, lustigerweise mit dem Hinweis, dass der Hauptschulabschluss ja nicht gefährdet sei…). Meine Tochter war erleichtert. Endlich war klar, dass sie keine „Schuld“ an dem Desaster hatte. Wir Eltern hatten nie Anschuldigungen erhoben oder Faulheit unterstellt, dennoch hatten sich bei ihr offensichtlich Schuldgefühle entwickelt, ebenso wie die Vermutung, dass sie einfach zu dumm wäre… Der Zug fuhr wieder schneller, als ich gucken konnte…
Aufgrund dessen suchten wir einen Kinderpsychologen auf, der nochmal eine komplette Testung der LRS durchführen sollte, dazu einen Lesetest und Intelligenztest (dass JOT zu dumm sei, wollte ich nicht auf ihr sitzen lassen…). Das Ergebnis war für uns alle beeindruckend: Lesekompetenz unter 4%, Rechtschreibung unter 15%, Intelligenztest 112-116 (zu dumm war damit zumindest vom Tisch).
WIE und WO, das traumatische Duo
WO teilte uns bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit, dass sie überhaupt nichts davon hielt, die Rechtschreibung in der Bewertung auszusetzen. Insbesondere nicht in einem so wichtigen Fach wie Englisch. Außerdem ließ sie uns wissen, dass das Kind ein Wort in der gleichen Klassenarbeit auf fünf unterschiedliche Arten schrieb, eine davon war sogar richtig, das müsse dann doch wohl eher ein Konzentrationsproblem sein…. Nein, sie war nicht zugänglich für das Wesen der LRS und verbat sich natürlich auch jede Belehrung. Für uns hatte sie umso mehr Belehrungen und eigenwillige Anschauung in Bezug auf dumme Legastheniker, schließlich war sie schon seit *gefühlten* 100 Jahren Lehrerin für Sprachen…
Die Deutschlehrerin WIE ließ meine Tochter eine Fehlerheft anlegen und die zahlreichen Rechtschreibfehler dort wieder und wieder schreiben. Nicht das es etwas gebracht hätte… würde man LRS mit herkömmlichen üben beikommen, könnte meine Tochter bundesweite Buchstabierwettbewerbe gewinnen. WIE sah die Vielzahl der Fehler als persönlichen Affront und weil sich dies nicht kurzfristig änderte, obwohl das Kind jetzt zusätzlich einmal die Woche am Förderunterricht teilnahm, war für sie ganz klar, dass dieses Kind auf einem Gymnasium nichts zu suchen hätte.
WIE machte Druck. Das ging so weit, dass sie uns mittels Fristsetzung von vier Tagen „zum Wohle unseres Kindes“ darlegte, dass es die einzige Chance von JOT wäre, auf die benachbarte Realschule zu wechseln. Außerdem sagte sie vor der versammelten Klasse, dass dieses Kind nicht dazugehören würde. Andere Mütter sprachen mich an, dass meine Tochter doch bald die Schule wechseln würde. Die brüchigen Kontakte innerhalb der Klasse nahmen weiter ab – meine Tochter sprach sehr offen von Selbsthass. Mich trieb und treibt es in die Verzweiflung.
Im Religionsunterricht bekam meine Tochter Schwierigkeiten nach einem Test. Zum einen, weil sie in der gegebenen Zeit keine Chance hatte, den Text überhaupt vollständig zu lesen und entsprechend nicht alle Fragen beantworten konnte, zum anderen, weil sie Psalmen falsch schrieb. Da der Rechtschreiberlass von der Schule nur für die Hauptfächer gewährt worden war, sah sich die Religionslehrerin *vermutlich aus christlicher Nächstenliebe* genötigt dafür Punktabzüge vornehmen zu müssen…
Was tun gegen den Selbsthass
Ich gab dem Wunsch von JOT nach und vereinbarte für sie eine weitere Reitstunde. Wenn sie schon keine Freunde und Freude in der Schule hatte, sollte sie trotzdem zu dem enormen Pensum aus Förderunterricht & Nachhilfe Deutsch/Englisch und LRS Therapie weitere Lichtblicke haben. Dazu gehörten neben den Pfadfindertreffen am Freitag, die Reitstunde am Mittwoch. Mir wurde eine Reitstunde am Samstag angeboten, die ich gerne für sie annahm. Dort ist sie, wenn sonst keine Termine anstehen gern von morgens 9 Uhr bis nachmittags 14 oder auch 16 Uhr, puzzlet an den Pferden herum, mistet aus, spielt mit anderen Kindern und Jugendlichen und ist sehr zufrieden und ausgeglichen wenn sie wieder zu Hause ist.
Nachdem WIE mal wieder Hand in Hand mit WO Druck gemacht hat, das Kind von der Schule zu nehmen, wandten wir uns erneut an den schulpsychologischen Dienst der Stadt. Natürlich war die Wartezeit mal wieder lang (gefühlte Unendlichkeit) aber unser Ansprechpartner schüttelte verständnislos den Kopf darüber, dass wir nach wie vor aufgefordert wurden, die Schule zu verlassen. Denn die Noten gaben keinen Anlass zur Beanstandung. In Deutsch war JOT schon seit der 6. Klasse auf einer drei, Latein und Englisch 3 bis 4, womit weder die Versetzung gefährdet war, noch die Schule eine tatsächliche Handhabe gegen das Kind gehabt hätten.
Der Schulpsychologe schaltete sich daraufhin an der Schule ein (leider weiß ich nicht genau, was er den Lehrern gesagt hat) und das Geisterduo gab endlich Ruhe. Seltsamerweise wurden die Noten daraufhin in den Sprachfächern noch besser (Latein haben wir berechtigte Hoffnungen auf eine zwei auf dem nächsten Zeugnis). Und endlich, nach drei langen und teilweise elenden Schuljahren, wird uns auf jeden Fall WO verlassen und in den Ruhestand gehen. Noch haben wir Hoffnung, dass auch WIE nicht länger in unserer Klasse eingesetzt wird… Es könnte so schön werden *träumt*. Die Abschiedsfeier von WO findet an einem Mittwoch in den nächsten Wochen vor den Ferien statt: „mir ist es das nicht Wert, dafür eine Reitstunde zu verpassen“, sagte meine Tochter. Passt mir gut, ich hab parallel mittwochs immer Klavierunterricht…
Ich habe weiterhin dem Büchergott gehuldigt, meiner Tochter einen E-Reader (verstellbare Schrift & Beleuchtung) besorgt und immer auf der Jagd nach spannenden, altersgerechten Büchern. Und endlich wurde ich erhört, seit Ostern (7. Klasse) liest meine Tochter endlich. Ständig – auch bis nachts um drei wenn am nächsten Tag Schule ist! Beim nächsten Mal gern, wie es dazu kam und wem ich dafür gern einen Orden verpassen würde.
7 Hosen, 1 Kleid, 4 Oberteile
PS Hosennähen: Ja, wenn das Muster erstmal so aussieht wie in dem Video und man das Video passend zum nähen ansehen kann, ist es ganz leicht den Reißverschluss einzubauen. Ich habe mich heute komplett neu eingekleidet… also eigentlich habe ich für einen Spottpreis (im Vergleich zu dem, was ich für die fertigen Sachen hätte bezahlen müssen) Stoff eingekauft, der dann in den nächsten Tagen (vermutlich eher Wochen oder Monate) zu 7 Hosen, 1 Kleid und 4 Oberteilen verarbeitet werden möchte… (ist Größenwahn eigentlich erblich?).